Raphael Urweider zur Ausstellung von Christian Thanhäuser in der Galerie raum in Bern

August 2003

 

liebe anwesende, liebe freunde, es freut mich ausserordentlich, heute "liebe anwesende, liebe freunde" sagen zu können, und dabei zu wissen, dass die familie Thanhäuser präsent ist und dies mithört.


ich könnte viele worte verlieren über Christian Thanhäuser worte über motive, strukturen, über farn, flechten, flüsse, felsen, worte über die gegend, wo er herkommt, die donau, die sich ihre gegend behauptet, sich manchmal breit macht, sehr breit, so wie 2002, über das ländliche: über leute, die auch einmal nahrungsmittel gegen kunstwerke tauschen, handwerk gegen handwerk ich könnte worte verlieren, wie man sagt, über die umstände, in oberösterreich ein leben als zeichner, drucker, schwärzer, literaturvermittler zu führen, in ottensheim, das fast genau so weit von wien weg zu sein scheint wie von bern, und wo manchmal freihaidliche wahlplakate druckfrisch verfälscht werden, eiskarten in restaurants seltsame sinn-sprüche erhalten, und kaum jemand weiss, wer da die möglichkeit hat, anzuschwärzen . . .


ich möchte trotz der freude, hier reden zu können, keine worte verlieren, da Christian Thanhäuser das gegenteil eines worteverlierers ist: er bewahrt bei sich nicht nur unzählig viele bücher auf, nein auch einzelne kostbare seiten, und sogar buchstaben verschiedener schriften, sorgsam geordnet in kästen - er musste gar die grundfesten des Thanhäuserschen hauses verstärken lassen, damit die gewichtigen schriftsätze es nicht einstürzen lassen. doch bewahrt er auch anderes schwerwiegendes auf, verhilft flüchtigem auf papier, zu überleben: ich spreche von poesie, von poetischen fremdsprachen, wie deutsch zum beispiel, und sorbisch, slowenisch, piktisch, böhmisch, ungarisch, gälisch, huzulisch und andere mehr, die es schon lange fast nicht mehr gibt, oder noch nicht.


bis zu seinem 35. lebensjahr versuchte Thanhäuser durch kulinarische und literarische seltenheiten auch ottensheim kulturell am leben zu erhalten: er verkaufte schon lange tot geglaubte käsesorten, würste aus der gegend, die nach geheim weitergeraunten familienrezepten hergestellt werden, gemüse von bauern, die das wort "biologisch" gar nie lernen mussten - ich sah einmal ein feld mit apfelgrossem knoblauch, dessen stengel mich um mindestens zwei köpfe überragte - süss und mild, zum direktverzehr gedacht und hervorragend geeignet! gleichzeitig zur kulinarischen kultur organisierte er lesungen mit schriftstellerischen abenteurern jeglicher couleur, für die er auch bankette veranstaltete, die sie dazu brachten, immer wieder zu kommen. einer davon war HC Artmann. das erste buch von Artmann, das ich besass und nicht nur ausgeliehen hatte, hiess: "von einem husaren, der seine guldine uhr in einem teich oder weiher verloren, sie aber nachhero nicht wiedergefunden hat". illustriert und gedruckt von Christian Thanhäuser. dies ist untertrieben; die ganze geschichte wurde nicht einfach gesetzt und gedruckt, sondern seite für seite in holz geschnitten, dazu noch irrisierende, nicht illustrierende holzschnitte beigefügt, die den leidensweg des armen husaren oder kriegsmann begleiten. als nun dieses werk gedruckt und gebunden war, gratulierte HC Artmann dem schwärzer von ottensheim zu seinem verlagsgrundstein, Thanhäuser mietete einen stand an der nächstbesten frankfurter messe, brachte die bücher auf noch nicht geklärten umständen an den stand, plus eine grosse korbflasche mit überaus angenehm scharfem schnaps vom bauern, der als publikumsmagnet fungierte. so ungefähr entstand "edition thanhäuser"; es war ebenfalls HC Artmann, der die nummer von Christian wählte und mir den hörer in die hand drückte, als ich zum ersten mal mit ihm sprach. bald war ich eingeladen, ihn in ottensheim zu besuchen, wo ich erst einmal mit der ganzen familie zeichnungswettbewerbe durchführen durfte - wer kann das schönste butterbrot - und sie mich aus lauter gastfreundschaft gewinnen liessen. der gewinn bestand darin, dass ich für den Ludwig Thanhäuser eine räubergeschichte schreiben durfte, die dann von ihm, Margarita und Joseph illustriert wurde.


es gäbe noch so viele worte, heimatlose, vielen davon gab Thanhäuser eine heimat, in dem er sie gedruckt und mit zeichnungen und holzschnitten versehen hat, diese wiederum wurden zum teil aufgefangen, versiegelt und schubladisiert von Paul Renner, einem der wenigen vollwertigen mitglieder des sagenumwobenen hellfire touring clubs, einer echten britisch-dekadenten ungeheim-loge, die zuerst mit büchern wie the decadent gardener und the decadent cook auf sich aufmerksam machte, bis dann mit dem projekt the decadent traveller endlich ein schaurig schön dekadentes projekt gestartet wurde, das die drucker des englischen könighofes heillos überforderte, bis einem von ihnen die rettende idee kam, und er den vorstandsmitgliedern des hellfire touring clubs von einem oberösterreichischen schwärzer erzählte, der vielleicht ihrem sublimen geschmack gerecht werden könnte. wie nun die engländer nach oberösterreich gelangten, wie die wunderbare garamond-schrift in leipzig gegossen und ebenfalls nach ottensheim fand, was Paul Renner jeweils für originalbilder herstellte und den büchern zutrug, ist wieder eine andere geschichte, die sie besser von Christian Thanhäuser direkt erfahren, wo er schon einmal hier ist.


ich weiss, liebe anwesende, dass ich trotzdem zu viele worte verloren habe, und nichts zu den bildern gesagt habe, nicht, wie Christian Thanhäuser aus weichem holz flüssiges wasser schneiden kann, wie aus hartem holz landschaften, die geister sind, wie er die hügel zeichnet, hinter denen sich just dieses tal befindet, in das man schon lange mal hätte wandern wollen; doch ich weiss aus eigener erfahrung, dass die bilder selbst sprechen, man hört sie, an wänden, in büchern, auf holz und papier. hören sie ihnen zu, ich will es auch tun.

danke

 

 

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